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Angeblich hat sich Gustav mehrfach in sein Zimmer eingesperrt und einmal einen Holzprügel gegen die
verschlossene Türe geworfen. Elf Tage nach dem Zwischenfall in der Kirche wird er in die Heilanstalt Bad
Schussenried eingeliefert. Diagnose beim Eintritt: "Schizophrenie, langsam fortschreitend, bei einem von Haus
aus vielleicht schon schwachsinnigen Menschen."
Mesmer hofft, bald wieder entlassen zu werden und schreibt seinen Eltern, dass sie sich dafür einsetzen sollen.
Da keine Antwort kommt – er weiss nicht, dass seine Briefe von der Anstaltsleitung zurückbehalten werden
– bricht er aus der Anstalt aus und läuft nach Altshausen. Dort aber will man ihn nicht haben und schickt ihn
wieder zurück.  "Das ist kein Leben mehr", schreibt er 1931 an seine Eltern, "habe lange für mein Predigen
gebüsst, oder bin ich des Todes schuldig?" Bald merkt Mesmer, dass an eine schnelle Heimkehr nicht zu denken
ist und er fügt sich vorübergehend in sein Schicksal. In Bad Schussenried wird er in der Buchbinderei beschäftigt
und gilt als tüchtiger Arbeiter. Am 10. Oktober 1932 taucht folgende Notiz in seiner Krankenakte auf:
"Hat eine Flugmaschine erfunden, gibt entsprechende Zeichnungen ab“. Nach seinen Erzählungen hat Mesmer
in der Anstalts-Buchbinderei eine Illustrierte gelesen, in der über einen Österreicher und einen Franzosen
berichtet wurde, die mit einem Fahrrad fliegen wollten. Das habe ihn inspiriert und nicht mehr losgelassen.
Der Gedanke ans Fliegen beschäftigt Mesmer seitdem ununterbrochen. Er zeichnet und bastelt Flugmodelle in
allen Variationen. "Ist guten Humors", so ein lapidarer Aktenvermerk, und: "zeichnet immer wieder neue
Flugprojekte, über welche schon der Laie den Kopf schüttelt".
Seit Jahren eingesperrt, bleibt Mesmer nur seine Fantasie, die ihn über die Anstaltsmauern hinausträgt, in die
Freiheit. Und er will nach Hause. In mehreren Briefen an seine Familie äußert er diesen Wunsch. Er träumt von
einem normalen Leben, von einer eigenen Familie. Seine Mutter fragt er, ob er "nach einer Braut schauen"
dürfe. Er bekommt keine Antwort und schreibt deshalb an die Tochter eines Pflegers: "Ob Sie, wertes Fräulein,
Lust und Liebe, meine Gattin werden zu wollen?" In der Anstalt nennen sie Mesmers Wünsche und Hoffnungen
"Beziehungsideen". Man nimmt den Patienten Mesmer nicht ernst, lacht über ihn. "Infantiler Charakter", heißt
es in der Krankenakte, von "Erfinderwahn" ist mehrmals die Rede.
In den späten 30er Jahren bricht Mesmer insgesamt 16 mal aus und läuft nach Hause. Doch jedes Mal wird er
wieder zurück geschickt. Einmal ist er vierzehn Tage lang auf der Flucht, arbeitet als Tagelöhner auf
Bauernhöfen und träumt von einer bürgerlichen Existenz. Ohne Erfolg, seine kurzen Ausflüge enden immer
wieder hinter den Mauern der Anstalt. Im Januar 1934 trat das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses"
in Kraft. Das war der erste Schritt der Nationalsozialisten zur späteren Vernichtung der Kranken in den
Anstalten. Auch in Bad Schussenried wurden in der Folgezeit meist entlassungsfähige Patienten zwangssterilisiert.

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