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Mesmer blieb davon verschont, denn von Entlassung war bei ihm keine Rede. Doch was damals vor sich ging, war
den meisten Patienten durchaus bewusst. Bei Ausbruch des Krieges wurde die ehemalige Samariter-Stiftung
Grafeneck von den Nazis zum Vernichtungslager umgebaut. Von Februar bis Dezember 1940 wurden dort über
10 000 kranke Menschen, für die die Nationalsozialisten den Begriff „unwertes Leben“ prägten, in den
Gaskammern getötet. Bad Schussenried war mit eine Durchgangsstation in den Tod. Gustav Mesmer hatte Glück:
er stand auf keiner Transportliste. Weil er ein guter Arbeiter war, sorgte die Anstaltsleitung dafür, dass er bleiben
konnte.
Bei Kriegsende, auch in der Anstalt herrschte das totale Chaos, nutzte Mesmer die Gelegenheit zur Flucht und
läuft nach Hause. Zwei Monate kann er bleiben, aber bereits im Juni 1945 schickt ihn seine Mutter unter dem
Vorwand, er müsse Kleider in die Anstalt bringen, nach Bad Schussenried zurück. Mesmer fügt sich, was bleibt
ihm auch anderes übrig? Er lernt die Korbflechterei, zeichnet, dichtet, schreibt und bastelt weiter an seinen
Fluggeräten.
1949 wird er auf eigenen Wunsch in das Psychiatrische Landeskrankenhaus Weissenau, nahe seiner
Heimatgemeinde Altshausen, verlegt. Überführungsdiagnose wie schon Jahre zuvor: „Paranoide Schizophrenie“.
In Weissenau bekommt Mesmer mehr Freiheiten, findet sogar langsam ein wenig Anerkennung. „Auffallend die
zeichnerische Begabung“, ist in der Krankenakte zu lesen.
Doch mehr denn je drängt er in den fünfziger Jahren auf Entlassung, will eine Korbmacherei eröffnen und eine
Familie gründen. Doch niemand setzt sich für ihn ein, obwohl längst klar ist, dass Mesmer in einer psychiatrischen
Anstalt nichts zu suchen hat. 1962 schreibt er seine Biografie mit dem Titel: „Von einer Person, deren Lebensweg
durch Orden wie psychiatrisches Krankenhaus führte“.
1964, also 35 Jahre nach seiner Einlieferung, wird Gustav Mesmer aus der Anstalt Weissenau entlassen. Die letzte
Bemerkung in seiner Krankenakte lautet: „Auf Betreiben der Verwandten in Rottenburg wurde der Patient heute
nach Buttenhausen verlegt, da dort gerade ein Platz frei war. Seine Wahnerlebnisse kommen lediglich in Briefen
oder sonstigen Schreiben zum Vorschein, sie scheinen an Bedeutung für ihn verloren zu haben“.
Buttenhausen, ein kleiner Ort auf der Schwäbischen Alb. Hier, in einem Altenheim, verbringt Mesmer die letzten,
aber wohl auch die glücklichsten Jahre seines Lebens. Die Heimleitung hat ihm eine kleine Werkstatt zur
Verfügung gestellt, endlich kann er an seinen Flugideen ungehindert basteln. Niemand redet ihm drein,
bevormundet oder verspottet ihn. Und die Kreativität Mesmers ist schier unerschöpflich. Was er vor allem in den
letzten Jahren seines Lebens gezeichnet, konstruiert und gebaut hat, ist kaum überschaubar. Mit einem seiner
Fluggeräte, einem umgebauten Damenfahrrad, sorgte er für Furore auf der Schwäbischen Alb. Sonntags machte
er oft seine Flugversuche und donnerte mit seinem Flugfahrrad steile Wege hinunter.
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